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Dieser Urlaub ist nicht in meinem Buch veröffentlicht worden, deshalb gibt es hier die komplette Erzählung!


Erstes großes Abenteuer

vom 3. August  bis  25. August 1972


Reiseziel: kein bestimmtes;

es sollte aber in Spanien liegen, irgendwo
an der Mittelmeerküste.






Vorwort:


Aus unserer Clique hatten sich vier Jungs im zarten Alter von 19 Jahren entschlossen, ihr erstes großes Abenteuer im fernen Ausland zu suchen: Nabs (Norbert), Werner, Wolfgang und Huf (Norbert, der Autor dieser Erzählung) mit zwei VW-Käfern.

Das besonders Besondere an diesem Abenteuer war, dass zwei andere Jungs ebenfalls die Idee hatten, nur auf völlig andere Art:
Pit und Mike, ebenfalls in diesem Alter, aber viel zu träge für eine anstrengende Reise.
Der Plan dieser zweiten, kleineren Gruppe also: rein in den Flieger, ab nach Malgrat de Mar an der Costa Brava, dort in ein Hotel, Spaß haben.

Der Plan der ersten Gruppe: irgendwo hin in den Süden Spaniens, Spaß haben während dieser Abenteuerfahrt, und am Ziel dann natürlich auch!

Der Plan beider Gruppen: Treffen am Hotel der zweiten Gruppe in Malgrat de Mar, irgendwann in den nächsten Tagen! Abflug der Fliegertruppe war einen Tag nach unserem Käferaufbruch.


Ich schildere unsere Autoreise aus meinen knappen Aufzeichnungen, die ich damals anfertigte. Aus dieser Knappheit der Notizen heraus war es mir sehr oft nicht möglich, die genauen Standorte der aufgenommenen Bilderzu rekonstruieren; ich bin aber fast sicher, dass ich alle Bilder in die richtige Reihenfolge gebracht habe!


Bitte verzeiht inständigst die Qualität der Fotos!

Erstens wurden sie von drei verschiedenen Billig-Kameras aufgenommen, zum Teil mit den damals üblichen Filmkassetten, dazu auch noch mit Normal- und Diafilmen. Die Restaurierung dieser uralten Bilder ist mir nicht überall gelungen, vor allem bei den Dias hatte ich nach einigen Tagen die Geduld verloren: tausende von Klicks auf abertausende Staubflecken und sonstigen Fehlern hatten meinen rechten Maus-Zeigefinger zu sehr geschwächt...



Donnerstag, 3.8.72 - Tag 1

Tipp:  Die Karten des jeweiligen Reisetages geöffnet lassen! Das erleichtert die Orientierung  beim Lesen.

18 Uhr: Abfahrt aus Mannheim
21 Uhr: Grenzübergang Basel
23 Uhr: 15 km vor Genf Übernachtung auf einem Autobahnparkplatz:


            
Abendessen in meinem Käfer: Wolfgang, Nabs, verdeckt Werner.   Nachts: links der Käfer von Nabs, rechts der meinige

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Freitag, 4.8.72 - Tag 2


  Frühstück auf dem Parkplatz


Vormittags bei Genf über die Grenze nach Frankreich.

Wir versuchten, so viel Strecke wie möglich zu machen; deshalb nahmen wir, wo immer es möglich war, die Autobahn.
Aber auf kleinen Ausflügen kleiner Landstraßen hatten wir viel mehr Spaß!


   

           
Irgendwo in der Schweiz; meine Freundin ist am Cockpit immer dabei!



Letzte Rast in der Schweiz


    
In Frankreich, wie an der gelben Straßenmarkierung zu erkennen ist;
weiter vorne ist Nabs ausgestiegen, um sich im Stau die Füße zu vertreten


   
Abends, zwischen einem Lavendelfeld und einer Wiese, etwa 20 Kilometer vor Montpellier: Einstimmung auf die Nacht.
Gitarrenhalter: Huf (also ich); Strohhuthalter mit Radio: Werner; dazwischen Wolfgang



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Samstag, 5.8.72 - Tag 3



Raus aus den Schlafsäcken, ihr Schlafmützen!
Hat euch der Lavendelduft eingenebelt?
Es ist schon 6 Uhr, und wir wollen doch weiter, oder?


Um 7 Uhr 23, am Samstag, den 5. August 1972  habe ich zum ersten Mal das Meer gesehen - und auch gespürt! Auf die Aufforderung der anderen, dass ich mal probieren sollte, habe ich natürlich einen kräftigen Schluck genommen und es sofort wieder ausgespuckt: SO salzig hatte ich mir das nicht vorgestellt!


Nabs jubelt als erster: wir sind am Mittelmeer angelangt!
Ich (rechts) war so emotional bewegt, dass ich fast vom Rücken meines Käfers abgerutscht war...
Leider hatte Werner mit dem Foto nicht gewartet, bis wir alle in Siegerpose
auf den Dächern standen.


Wegen gigantischem Verkehrsaufkommen sind wir auf winzige Landstraßen ausgewichen und haben dabei mexikanisch anmutende Landstriche durchfahren, wie man sie aus Westernfilmen kennt: ausgedörrt und steinig, menschenleer und nur äußerst spärlich bewachsen.

Diese Gegenden haben Wolfgang und mir ausgeprägt gut gefallen, wir hätten gerne mehr davon gesehen; aber Nabs und Werner wollten weiter - so schnell wie möglich an unser Ziel: das Hotel der beiden Kumpels.


   
Badepause in einem Bach einer kleinen Schlucht
           




Mein Käfer auf dem Weg zur spanischen Grenze  


 
Clever mitgedacht: da das Benzin in Spanien teuer war, füllten Werner und Nabs kurz vor der spanischen Grenze deutsches Benzin ein.
Weniger clever: ohne Schlauch für den riesigen Kanister dauerte die Betankung mit dem kleinen Kochtopf ziemlich lange...



Oft hatte Nabs Schwierigkeiten mit dem Anlasser seines Käfers:
da halfen nur einige Hammerschläge auf den Magnetschalter, und der Starter funktionierte wieder!


   
Pause in Spanien
             

 


Durch winzige Dörfer; hier bei unseren vielen Personenwechseln
mal Wolfgang im Auto von Nabs


              
Links: die Abzweigung nach Malgrat.   Rechts: Begrüßungstrunk am Hotel unserer Kumpels, die dafür
eine Flasche Schampus kaltgestellt hatten!

So waren wir also wohlbehalten in Malgrat de Mar angekommen, das gleich neben dem bekannteren Lloret de Mar liegt. Pit und Mike zeigten uns ihre Unterkunft und das Hotelgelände mit Pool, das sie seit ihrer Ankunft vor zwei Tagen noch kein einziges Mal verlassen hatten... Schließlich sind es ja gut 250 Meter bis zum Strand; und wenn man einen Pool vor der Haustür hat: warum soll man dann im Urlaub die Strapazen eines solch langen Fußweges auf sich nehmen?

Für uns vier Naturburschen war eine solche Denkweise völlig unverständlich!
Da es schon recht spät geworden war, machten wir uns nach einer Plauderstunde auf den Weg, einen Platz für die Nacht zu suchen, während sich die beiden Kumpels fein machten für die Nacht in der Disco. Und selbstverständlich fanden wir auch eine tolle Schlafgelegenheit: unten am Meer gab es einen Bootsverleih, der seine Prachtsücke auf dem Strand in eine Reihe aufgestellt und zur Sicherheit mit Scheinwerfern beleuchtet hatte. Wolfgang und ich wollten uns dort niederlassen, aber Nabs und Werner war das zu haarig, mitten in dem Licht, und blieben lieber weiter oben, in der Nähe der Straße.

   
Links: beim Spaziergang durch das "Altdorf" Malgrat, in das sich kaum ein Hotelgast verirrt; wozu auch?
Rechts: Wolfgang beim Gute-Nacht-Trunk an unserem ausgewählten Schlafplatz.


Was wir nicht wussten: in Spanien ist das wilde Campieren streng verboten, im Gegensatz zu Frankreich! Werner und Nabs erfuhren das als erste, weil sie von einer Polizeistreife entdeckt wurden! Wolfgang und ich hatten das erst am nächsten Morgen mitbekommen, als wir unsere Kumpels wieder sahen, denn uns hatte die Policia nicht entdeckt: die Scheinwerfer leuchteten nämlich vom Strand weg, so dass man von der Straße aus in sie hinein schauen musste und deshalb keine Einzelheiten im Schattenbereich erkennen konnte!

Nabs als Besitzer seines alten VWs konnte das aber recht gut hinbiegen: er demonstrierte, dass der Anlasser-Schalter nicht funktionierte und die beiden also auf den nächsten Morgen wartern mussten, um eine Werkstatt um Hilfe bitten zu können. Was die Policia natürlich nicht wusste: Nabs hätte ja einfach wieder einmal mit dem Hammer auf den Magnetschalter des Anlassers klopfen müssen, wie weiter oben schon erwähnt... So sind die zwei glimpflich davon gekommen!

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Sonntag, 6.8.72 - Tag 4


Frühmorgens haben wir im und am Meer herumgetobt. Von den Kumpels hatten wir uns schon am Vorabend verabschiedet, weil die beiden nach langen Disconächten sowieso nie vor dem Mittag in die Gänge kamen; zu dieser Zeit aber erreichten wir schon Barcelona: eine irre Stadt! Wir bekamen allerdings nur Eindrücke von recht weit oben, weil die größtenteils sechsspurige Stadtautobahn etwa in Höhe der sechsten oder siebten Stockwerke durch die Hochhausschluchten führte! Eine grandiose Aussicht und natürlich eine erhebende Erfahrung war das aber allemal.

Knapp hinter Sitges machten wir eine Pause und beratschlagten über das weitere Vorgehen, weil Werner und Nabs offensichtlich andere Reisewünsche als Wolfgang und ich hegten: die einen wollten so schnell wie mglich so weit wie möglich in den Süden, die anderen wollten es lieber gemütlicher angehen lassen und dabei die Gegenden intensiver erfahren.
Also trennten wir uns einvernehmlich und gutmütig!

Nabs und Werner rasten im grünen Käfer weit entfernten Zielen entgegen, während Wolfgang und ich hier erst einmal Station machten.


Montag, 7.8.72 - Tag 5

   
Ein ganzer, erster echter Urlaubstag kurz hinter Sitges; zuerst sengende Sonne,
nachmittags kaum noch Sonne und relativ kühl
   


Wir suchten uns ein Plätzchen am Strand, badeten, dösten, fuhren Schlauchboot. Zu Mittag gab es Bratkartoffeln mit Rührei; da wir Salz vergessen hatten, würzten wir einfach mit Meerwasser! Nachmittags erkundeten wir die Umgebung, kauften etwas Lebensmittel ein und machten es uns an unserem Plätzchen wieder gemütlich.

Während wir so da saßen und die Kerne einer Wassermelone duch die Gegend spuckten, hatte ich wieder einmal die Organisation von Ameisen bewundert: diese hier waren weit größer als die bei uns zu Hause, und so konnte ich sie auch viel besser bei ihrer Arbeit erkennen. Nachdem eine oder zwei Späher einige Kerne entdeckt hatten, eilten sie irgendwohin, um die Arbeiterinnen zu informieren. Diese wiederum folgten den Spähern, schnappten sich die Kerne, die im Vergleich riesig groß zu ihren Körpern waren, und trugen und zerrten die schweren Brocken durch das unwegsame Gelände. Immer, wenn andere Ameisen dazustießen, wurden kurze Informationen ausgetauscht, und die Neuankömmlinge eilten in die Richtungen, die ihnen von den Kolleginnen übermittelt wurden.

Manchmal, wenn sich eine Emse im Urwald des Grases fast verfangen hatte und ihre Beute kaum noch weiter zerren konnte, drang mich mein Samariterherz zur Hilfe: ich ebnete den Weg, indem ich Gräser plattdrückte oder winziges Geäst beiseite legte; und ich freute mich, wenn die Schwerstarbeiterin ihren Weg etwas leichter fortsetzen konnte!

Faszinierend, dieses Volk.

   
die Kirche von Sitges 


Am Abend bekamen wir Besuch von einem Polizisten, der unmissverständlich mit heftigen Worten und Gebärden ausdrückte, dass wir hier verschwinden sollten! Ich stolperte: "Una noche, prego! Solamente hasta mañana, prego!" ("Eine Nacht, bitte! Nur bis morgen, bitte!") und machte dabei ein liebes Gesicht und faltete bittend die Hände. Schon nicht mehr so streng dreinschauend fragte er nach: "Una noche?" - "Si, si!"  - "Okay! Buenas noches!" meinte er dann, jetzt sogar freundlich lächelnd ("Gute Nacht!") Es folgten noch einige Worte, die ich etwa so interpretierte: "Ich komme morgen früh vorbei und schaue nach!"

Wolfgang schaute mich völlig perplex an und meinte: "Ich wusste gar nicht, dass du spanisch kannst!" - "Ich auch nicht!" grinste ich.
Mir war schon kurz nach der Grenze aufgefallen, dass ich viele Worte an Geschäften, an Werbeplakaten oder den Seitenflächen der LKW verstehen oder zumindest erahnen konnte. Das lag wohl daran, dass ich Latein und Französisch gelernt und mich ja auch schon mit dem Italienischen angefreundet hatte; diese Sprachen weisen in ihren Grundzügen starke Ähnlichkeiten auf. Fortan achtete ich bewusst darauf, geschriebene Worte und Sätze zu verstehen und auch Menschen zuzuhören, um ein Gefühl für die Aussprache zu bekommen; das machte mir richtig viel Spaß!

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Dienstag, 8.8.72 - Tag 6


Auf dem gemütlichen Weg nach Calafell kam uns die glorreiche Idee, an einem Zeltplatz zu halten und so zu tun, als gehörten wir dazu und kämen gerade vom Strand. So gelangten wir für ein paar Pesetas an eine tolle Dusche! Dies hielten wir die ganze Reise über so bei.


ein einsames Dorf

Mittwoch, 9.8.72 - Tag 7


Recht früh aufgestanden wollten wir heute einmal wieder richtig Strecke machen: unser erklärtes Tagesziel war Valencia.

Dabei mussten wir Tarragona durchqueren, eine recht große Stadt. Ein Aquädukt aus römischer Zeit, das - kurz vor der Stadt gelegen - die Jahrhunderte überdauert hatte, ließ uns die gigantische Baukunst der alten Römer mit offenen Mündern bestaunen: unfassbar, was diese Archtikten vor eineinhalb Tausend Jahren dorthin gestellt hatten - und dass es heute immer noch steht! Und das alles nur, um Wasser über ein Tal fließen zu lassen...

Huf in Tarragona        Aquädukt


   
Huf vor einer Basilika und auf einer Mauer


   
Gottseidank kein Kampf in dieser Arena!


   Eine Serviette, die ich nach dem Snack natürlich nicht benutzte, sondern mit Tesa ins Album klebte...


Nach dem Aufenthalt in Tarragona wollten wir es eigentlich fliegen lassen, aber immer wieder drängte uns unsere Neugier von der Strecke ab, wenn wir das Gefühl hatten, es gäbe abseits etwas zu vermissen:

 



Dadurch schafften wir es nicht bis Tarragona, sondern nur bis kurz hinter Sagunto, wo wir in inzwischen stockdunkler Nacht ein Quartier für unser Gefährt suchten. Der selten doofe Huf steuerte zwar in die richtige Richtung des Meeres, versenkte aber die Karre im Sand des Ufers...

Es war völlig unmöglich, den bis zu den Achsen eingesunkenen Käfer zu befreien; auch mit den Fußmatten nicht, die wir als Rutschbremse vor die Hinterräder legten! Also ließen wir uns vor dem Auto nieder und wollten den nächsten Morgen abwarten, und dann - ja, da hatten wir allerdings keine Ahnung, was dann geschehen würde...

 Der tumbe Huf vor seinem Auto, dessen Trittbretter platt auf dem Sand liegen...

Nach einem Umzug hinter das Auto, weil es kühler wurde, der Motor aber noch Wärme abstrahlte, hatten wir plötzlich das Gefühl, dass es doch Wunder gibt: zwei Nachtschwärmer englischer Herkunft schlenderten am Strand entlang und lachten erst einmal, wie wir da so hilflos im Sand steckten!

Dann aber ließen sie sich gerne auf einen Plastikbecher Moscatel einladen, und wir überlegten gemeinsam, wie wir die Karre wieder aus dem Dreck ziehen könnten. Fazit: in dieser Nacht hätte das keinen Sinn mehr; sie wollten aber gerne morgen mit ihrem Mietauto wieder kommen und versuchen, uns mit einem Abschleppseil heraus zu kriegen!

Nach einem Erinnerungsfoto mit uns beiden Pechvögeln und vielen Gute-Nacht-Wünschen zogen sie davon, und wir beide hatten nicht den geringsten Zweifel, dass sie am nächsten Tag wieder erscheinen würden...

Wir beiden Strandaufläufer, bevor wir uns in die Schlafsäcke verkrochen.   
Ein absolutes Rätsel, warum die verchromte Stoßstange hier schwarz erscheint!


Anmerkung: diese "Ami-Jacke", die ich hier anhabe und die mich viele Jahre lang begleitete (bekleidete?), habe ich ich fast 40 Jahre danach immer noch! Ein fast unverwüstliches Teil, und außerdem das zweitälteste Kleidungsstück, das ich noch habe, mit sehr vielen Erinnerungen behaftet... Okay, die Jacke spannt zwar etwas am Bauch und an den Schultern, aber wenn ich reinschlüpfe, fühle ich mich um viele Jahre zurück versetzt! Nostalgie pur...

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Donnerstag, 10.8.72 - Tag 8

Erfreulich! Die beiden Engländer tauchten wirklich am Vormittag auf, und sie schafften es wirklich, uns zu befreien! 

Im Tageslicht erkannte ich, dass ich einen felsigen Teil des Strandes nur um gut drei Meter verfehlt hatte... Von dort zogen uns die beiden heraus.

Danach zogen wir ab nach Valencia, das ja nicht mehr weit entfernt lag.

Eine palmengesäumte Straße entlang und über eine Brücke eines verdorrten Flusses - und schon waren wir da: in Valencia!

   
Links: Palmen am Weg            -           Rechts: Bett ohne Fluss


Stadtschild von Valencia


Erster Eindruck: recht hässlich; oder, sanfter ausgedrückt: ungemütliche Großstadt.
Zweiter Eindruck: ausgestorben! Kaum Autos unterwegs, umher schlendernde Menschen schon gar nicht!
Nächstes Gefühl: nagender Hunger!

Wir suchten verzweifelt nach einem Supermarkt oder wenigstens einer Art Kiosk; nix, gar nix!

Schließlich kam uns die Erkenntnis, dass jetzt Siesta sein musste: deshalb die verödeten Straßen!
Aber deswegen könnte doch irgendwo ein Lebensmittelgeschäft sein, auch wenn es um diese Mittagszeit geschlossen wäre?
Kaufen denn die Valencianer nichts ein, wenn sie keine Siesta halten? Sehr dubios...
Wenn wir ein Geschäft gefunden hätten, dann hätten wir vor den Türen gerastet, bis sich die Türen wieder geöffnet hätten!

Endlich entdeckten wir an einer Straßenecke in der Nähe des Hafens eine Art "Lokal", und das hatte geöffnet! Also nix wie rein.

Drinnen: hell und freundlich, aber klein und leblos.

Nach gut vier Minuten tauchte jemand auf, offensichtlich völlig erstaunt, dass jemand zu dieser Tageszeit die Dreistigkeit hatte, die allgemeine Siesta zu stören. Etwas verschlafen wirkend, legte uns der junge Mann mit einem knappen "buenos dias" eine Speisekarte auf den kleinen, runden weißen Plastiktisch und verzog sich wieder in den Hintergrund. Ich hatte das Gefühl, dass er dabei ein leicht höhnisches Grinsen im Gesicht hatte...

Man hat ja schon gehört, dass in exotischen Ländern die Speisekarten nicht nur in der Landesprache geschrieben sind, sondern ebenso exotische Zutaten in eben diesen Speisen enthalten sind! Deswegen wurde mir ganz mulmig: erstens verstand ich natürlich nicht ein einziges Wort auf der Karte, und zweitens hatte ich mordsmäßig Angst, dass sich dabei allerlei Tierzeugs aus dem nahe gelegenen Meer befinden könnte: darauf reagiere ich nämlich äußerst ungehalten; im günstigsten Fall mit spontaner Magenentleerung, sofern ich nur den Hauch eines Fischgeschmacks auf der Zunge habe!

Also: was tun? Wolfgang verstand natürlich überhaupt nichts; weder die Karte noch meine Aversion gegen Fischiges.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, während mein Magen gefährlich durch das kleine Lokal knurrte, und bestellte in fließendem Spanisch
"Dos platos del turistico del dia" ("Touristenteller des Tages";  in meiner sprachlichen Genialität machte ich aus einem Teller zwei, damit Wolfgang in den gleichen, zweifelhaften Genuss kommen musste). Ebenso fließend ergänzte ich aus meinem Bauch heraus: "...y dos cerveza, prego!" (schlicht und ergreifend: "...und zwei Bier bitte!").

Die beiden Biere kamen zuerst und machten nicht besonders Mut: schal und warm, auch geschmacklich in "unter aller Sau" einzuordnen.

Als allerdings die "Platten" ankamen, trauten wir unseren Augen kaum:

Zwei schneeweiße Porzellantellerchen, auf denen sich je drei Stück "Dinger" befanden, die sich in ihrer dunklen Farbe angenehm von ihrem Untergrund abhoben,  nur dadurch aber überhaupt zu erkennen waren; sie waren einfach viel zu klein für den kleinen Teller!
Als Beilage gab es Messer und Gabeln.

Vor lauter Staunen konnte sich keiner überwinden, mit der Gabel in diese Herrlichkeiten zu stechen, die für mich aussahen wie Seeteufel, Seeigel und Seespinne. Natürlich nur jeweils ein Scheibchen von diesen ausgesuchten Leckereien.

Wolfgang stach als erster zu und Schnitt ein winziges Stück ab: "Jaaa!" jubelte er, "das schmeckt nach gar nix!" Bei den anderen beiden Proben unterschieden sich seine Begeisterungsausrufe nur unwesentlich vom ersten. Also langte auch ich zu - und ich musste wohlwollend gestehen, dass ich etwas, das offenbar aus dem Meer kommt, noch nie in einer solchen Geschmacklosigkeit genießen durfte!

Erst als mich Wolf darauf aufmerksam machte, dass die Beilagen wahrscheinlich nicht zum Menü gehören, wurde mir bewusst, dass meine hungrigen Zähne versuchten, die Griffe des Bestecks abzunagen.

Die Flucht aus diesem Schlemmerlokal führte uns durch die immer noch leer gefegten Straßen in eine Gegend gleich um die Ecke, wo wir das Meer mit seinen enorm aufbrausenden Wellen bewunderten, die gegen tausende von Steinblöcken vergeblich anschlugen: diese wurden offensichtlich völlig willkürlich hierhin "geschüttet", um dem Drang des Meeres zur Eroberung des Küstentreifens entgegen zu halten.

Hier entdeckten wir Taschenkrebse, die wie wild in der Brandung der Steinbrocken herumtobten - oder vor ihr Zuflucht suchten?

Und hier machten wir eine Dummheit, die ich mir bis heute nicht verzeihen kann! Ich schäme mich, dass ich eine solche Grausamkeit begangen habe; aber sie gehört nun mal zu meinem Leben, und ich will sie nicht verbergen:

Die Taschenkrebse hatten es uns angetan, wir wollten unbedingt einen als Souvenier mit nach Hause nehmen; also begaben wir uns auf die Jagd!

Die Krebse waren wesentlich schlauer und flinker als wir zwischen den Steinbrocken; es schien, als grinsten sie uns hinterhältig an, während sie sich in die Brandung stürzten. Wir bemerkten aber, dass alle, auch die kleineren, ihr Heil im Sprung nach unten suchten. Also holten wir unsere Plastikbecher und hofften, dass wir vielleicht einen im Flug auffangen können. Unsere Überraschung war äußerst groß, als wir schon bei den ersten Versuchen einige kleine Krebse erwischten: es schien, als würden sie direkt in den Becher zielen!

Bis auf je einen für uns entließen wir sie wieder in die Freiheit, und diese beiden einen mussten dran glauben - aber wie? Wir wollten sie ja in einem Stück nach Hause bringen, also würde ein Genickschlag nicht das Richtige sein; und außerdem: wo hat ein Krebs ein Genick?

Die Lösung: ersäufen! Ja! Natürlich nicht in Wasser, sondern in unserem starken Moscatel; das würde ihnen hoffentlich sehr schnell die Sinne rauben, vor allem, wenn wir das gute Gesöff vorher noch etwas anwärmten.

Wir stellten zwei weitere Becher auf das Autodach, füllten sie zur Hälfte mit dem Wein und warteten, bis die Brühe warm wurde. Dann kippten wir die zwei armen Burschen hinein, je rund drei Zentimeter klein (nur der Panzer) und warteten, bis sie alkoholisiert einschlafen würden. Später könnten wir sie leicht in der Sonne trocknen.

Die Tierchen müssen Alkoholiker oder sonstwie resistent gegenüber dem Wein gewesen sein: sie hörten und hörten nicht auf, in der warmen Alkoholsuppe herum zu strampeln! Völlig ratlos standen wir daneben und diskutierten, wie wir der Qual ein schnelles Ende bereiten könnten, für eine Rettung war es eh schon zu spät; aber wir hatten keine Idee.

Endlich, nach vielen langen, langen Minuten der Verzweiflung - auf beiden Seiten! - erstarben die Bewegungen in den Bechern und damit auch die Leben in den kleinen Panzern...


Lange Zeit waren wir nicht imstande, die Becher auszuleeren; wir standen nur herum, schauten uns schuldbewusst an oder aneinander vorbei...
Ich bin sicher, das war die größte Grausamkeit, die ich in meinem Leben einem anderen Leben zugefügt habe; ich bedauere das außerordentlich und schäme mich dafür in Grund und Boden!

Noch heute ruhen die in filigrane Stücke zerbrochenen Reste in einer kleinen Filmkapsel in meinem "Erinnerungs-Setzkasten"; ich habe es nie fertig fertig gebracht, diese Bruchstücke einfach wegzuwerfen! In meinem jugendhaften Trieb hatte ich ein Leben auf grausame Weise beendet; die Chininbruchstücke des kleinen Kerls sollen mich allzeit an diese Untat erinnern...

Wir beschlossen, dass Valencia südlich genug sei und wir uns wieder nach Norden orientieren sollten.


In der Nähe von Sagunto fanden wir einen Zeltplatz, wo wir das erste Mal in diesem Urlaub mein Zelt aufbauten. Danach stürzten wir uns in die Fluten und wurden von den knapp zwei Meter hohen Wellen regelrecht überrannt: irre, solche Wasserberge! So etwas gab es bei unseren Wochenenden an den heimischen Baggerseen nur in unserer Fantasie...

   Erstmals das Zelt aufgebaut


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Freitag, 11.8.72 - Tag 9

Gammeltag auf dem Zeltplatz bei bewölktem Himmel; ab und zu leichter Regen.
Die frisch gewaschene Wäsche trocknete aber trotzdem.

Samstag, 12.8.72 - Tag 10


Am Vormittag hatten wir das Zelt abgebaut und machten uns langsam auf den Rückweg. Allerdings mussten wir nach einigen Kilometern nach links, vom Meer weg, abbiegen, weil die Gegend so toll aussah und wir das Gefühl hatten, dass es dort etwas zu sehen geben musste!

Über eine enge Schotterstraße ging es in die Berge hinein; nur alle paar Kilometer gab es winzige Dörfer mit uralten Häuschen. Und irgendwann stieß die Straße in einem Dorf auf einen winzigen Platz, der von niedrigen, ehemals wohl weißen, alten Häuschen umgeben war. Wir fanden es ziemlich seltsam, weil der Weg keine Abzweigung hatte, die um den Platz herum führte - also blieben wir stehen und stiegen aus.

Zwei steinalte, weißbärtige Männer, die am Ende des Weges vor einem Häuschen auf einer Bank hockten, beobachteten uns intensiv und neugierig; es dauerte nicht lange, da kamen auch einige Kinder zum Vorschein: eng aneinander gedrängt verfolgten ihre Augen jeden unserer Schritte, einen Sicherheitsabstand strikt einhaltend!

Links und rechts des Plätzchens schauten wir uns um und kamen zu dem eindeutigen Schluss, dass es hinter diesem Dorf nicht mehr weiter ging. Keine Straße, kein Weg, nur trockene Berge!

Weder die beiden Alten noch die Kinder erweckten den Eindruck, als ob sie Kontakt mit uns wünschten. Es hatte den Anschein, als ob zumindest die Kinder noch nie ein solches rundes Auto oder gar Ausländer gesehen hatten! Das Bild der Kuh, das ich auf der Seite des VW aufgeklebt hatte, schien auch nicht vertrauenseinflößend zu wirken.

Wir kehrten um und wunderten uns einfach nur...

Nach gut einer Stunde stießen wir wieder auf die Schnellstraße an der Küste und gaben Gas bis zurück nach Sitges. Dort mussten wir an einem Strand im Auto übernachten, weil es recht heftig regnete.

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Sonntag, 13.8.72 - Tag 11

Recht früh am Morgen, als wir uns noch in den Schlafsäcken im Auto befanden, bekamen wir schon wieder Besuch von der Polizei: Zwei strenge Beamte machten uns klar, dass wir sofort weiterfahren sollten! Wildes Camping ist strikt verboten!
So ganz verstanden wir das nicht: im Auto schlafen ist doch kein Campen?

Also zischten wir ab nach Malgrat de Mar, dem Hotelort unserer Kumpels, der ja nur etwa 10 Kilometer weit entfernt war.

Gegen Mittag stolperten unsere beiden Kumpels aus dem Hotel, wie es schien, leicht übernächtigt! Wir verbrachten etwa zwei Stunden damit,  gegenseitig unsere Erlebnisse zu schildern, was Wolfgang und mir ziemlich bald auf den Senkel ging: von den beiden Kumpels war kaum etwas anderes zu hören als Schilderungen ihrer Disconächte und der danach erschöpften Gänge zum Hotelpool, frühestens um ein Uhr mittags...
Seltsam erschien uns auch, dass sie von den Mädels immer nur solche Sachen erzählten wie "No, Pedro! No Michele!" Und sie lachten sogar noch dazu... Verrückte Welt.


Wolfgang und ich wollten den Ort und die Umgebung zu Fuß zu erkunden; unsere Hotelboys meinten dazu, dass sie doch im Urlaub keinen unnötigen und anstrengenden Fußweg unternehmen könnten, schließlich seien sie zur Erholung hier!
Na ja, Urlaub sieht halt für jeden anders aus...

Nach einem Rundgang um den Ferienort herum entschieden wir, dass das Umland nicht besonders einladend ist, und so erkundeten wir den Ort selbst: In den hintersten Winkeln war Malgrat noch sehr ursprünglich; einfache Steinbauten, die nicht nur Wohnstätten beherbergten, sondern auch Einkaufsmöglichkeiten aller Art. Viele dieser kleinen, aber sehr heimeligen Geschäfte hatten wohl kaum Touristen als Kunden: schließlich wurden die Hotelgäste mit bekannten Leckereien aus der jeweiligen Heimat verwöhnt... Verrückte Welt.

Wir beide jedoch, - neugierig und weltoffen - , probierten hier und da, ob für unsere Gaumen etwas Passendes dabei war; und wir waren immer wieder erstaunt über die kleinen Köstlichkeiten, die so fremd und doch so lecker schmeckten! Auch an einem Sonntag wie diesem war so gut wie jedes Geschäft geöffnet.

An einem Häuschen, das wie eine Felswand aussah, wurden wir von einem jungen Mädchen vor einem Eingang angelockt, der eher dem Zugang zu einer Grotte glich als einer Tür in das Innere eines Gebäudes: "Degustar, prego! Com in! Probiere! Vino, Licor, Snaps!" Mit diesem Kauderewelsch hielt uns die hübsche Kleine zwei winzigen Plastikbecher entgegen und lockte uns ins Innere:

Dieses Innere stellte sich tatsächlich als ein Grotte heraus, aber eine, die man gekonnt ausgebaut hatte und den Inhalt wirksam zur Schau stellte:

An den felsbrockenen Wänden waren knapp zwei Meter hohe Regale angebracht, die in einem Halbrund eine Unzahl an alkoholischen Getränken präsentierten: ganz links fing es an mit Schnäpsen aller Art; danach kamen Reihen von Whyskies, und den überwiegenden Teil der Wände nahmen Weine ein - alles sehr adrett in Reihen gestellt und von den klaren Getränken bis zu den dunklen Varianten der einzelnen Arten geordnet! So etwas Ansprechendes habe ich seitdem nicht mehr gesehen.

Wolfgang und ich ignorierten sofort die äußere linke Seite mit dem härteren Zeug und wendeten uns den Weinen zu, die zwei Drittel der Regalwände einnahmen: Hier und da ein Schlückchen, dort auch noch eines, und jenes und dieses aber bitte auch noch! Bei jeder neuen Probe bekamen wir ein neues Becherlein; wir fürchteten fast, dass dem hübschen Mädchen die schnapsglaskleinen Plastikdinger ausgehen würden, währen wir hier eine regelrechte Probier-Orgie feierten!

Schließlich -  und endlich! - brachen wir die Testerei ab, weil wir einfach nicht mehr weiter testen konnten... Aus einem glückseligen Dank heraus kauften wir jeder sechs Flaschen verschiedener Weine und versprachen, dass wir am nächsten Tag noch zwei Freunde hierher bringen würden. Wir hätten dies wahrscheinlich nicht gemacht, wenn die Preise nicht so unergründbar günstig gewesen wären!

Nach dieser "Verköstigung" wollte ich um das Häuschen herum gehen, aber das klappte nicht:
Nicht etwa, weil meine mittelschwere Benebelung die Orientierung störte, sondern weil dieser traumhafte Laden tatsächlich in einer Felswand lag!
Wir beide waren völlig begeistert und sinnierten, dass man so etwas auch in Mannheim auf die Beine stellen könnte. Die Idee scheiterte aber bald darauf, als wir feststellen mussten - nach langem, langsamen Nachdenken, wohlgemerkt - , dass wir in Mannheim eher selten natürlich gewachsene Felswände haben, und Grotten schon mal gar nicht...

Schwer bepackt mit Taschen und  auch im Geiste etwas schwerer als sonst lieferten wir unseren Einkauf  in meinen zwei Käfern ab, legten uns zwei Stunden direkt daneben in den Sand und machten uns nach dieser kleinen Ernüchterungsphase auf, den Schatten dieses plötzlich wieder einen Käfers zu verlassen und unsere Hotelkameraden aufzusuchen, was recht schwierig war: immerhin war es erst kurz nach Mittag, und die beiden pennten noch.

"Was macht ihr denn heute Abend?"

"Jo, wie immer: ab in die Disco neben dem Hotel und abfeiern, wir sind ja immerhin im Urlaub!"
"Wann komt ihr in der Regel zurück?" fragten wir.

"Oha! Selten vor vier Uhr morgens!" lachten sie.

Wir beide: "Das passt doch! Um diese Zeit stehen wir auf und suchen unsere eigenen Abenteuer. Dürfen wir bis dahin euer Zimmer benutzen?"

Absolut ungewöhnlich für uns:
Wir badeten im Hotelpool, sonnten uns an dessen Rand und duschten danach auf dem Zimmer ausgiebig. Wir testeten schon mal die Betten: sie waren nicht zu vergleichen mit dem Sand unter unseren Schlafsäcken, der ein völlig anderes Schlafgefühl bietet; und außerdem würde die aufgehende Sonne fehlen, die einen aus dem Schlafsack kitzelt.

Von dem kleinen Balkon aus genossen wir einen gigantischen Ausblick aus dem siebten Stock: links massenhaft andere kleine Balkone, nach unten und oben; gegenüber das gleiche Bild; rechts aber der irre Blick auf den Pool und noch ein Stückchen weiter rechts wieder diese traumhaften Balkone! Stundenlang hätten wir hier verweilen können...
Wenn ich nicht links auf etwa gleicher Höhe zwei Mädels auf  einem Balkon entdeckt hätte!

Forsch winkten wir hinüber und setzten unser fröhlichstes Lächeln auf in der Hoffnung, dass die beiden das auch in dieser Entfernung wahrnemen konnten. Sie winkten zurück und, sofern wir das aus etwa dreißig Metern richtig interpretierten, lachten sie dabei und stupsten sich gegenseitig an!
Solchermaßen ermutigt machte ich Zeichen, ob wir uns nicht unten in der Lobby treffen könnten und versuchte dabei, so unaufdringlich und sympatisch zu wirken wie es nur irgend ging; (ganz ich selbst also). Etwas scheu, wie uns schien, stimmten sie zu.

Unten entdeckten wir zuerst, dass wir in unserem Outfit nicht so ganz zu den anderen Hotelgästen passten, aber das war uns so ziemlich wurscht. Danach entdeckten wir die zwei Blondinen, die etwa in unserem Alter waren und noch recht hübsch dazu! Etwas verlegen standen sie dort herum, und ich - Selbstbewusstsein heuchelnd - schlenderte mit Wofgang im Schlepptau auf sie zu; immer um ein freundliches, nicht aufdringlich wirkendes Lächeln bemüht.

Höflich begrüßte ich die beiden in fünf Sprachen: "Guten Abend, buenos tardes, bon soir, buona sera, good evening!" - und ich lächelte dabei so herzlich und doch höflich wie es ging in meiner Aufregung; Wolfgang stand irgendwie betreten neben mir und brachte kein Wort heraus, lächelte aber ebenfalls in bester Bemühung.

Es stellte sich schnell heraus, dass die Mädels Engländerinnen waren und erst vor drei Tagen hier ankamen. Ich lud uns alle zu einem Strandspaziergang ein, und alle waren einverstanden! Jetzt bekam ich ein dickes Lob: mein Englisch sei sehr gut, meinten die Blondies einhellig.

Kurz vor dem Ausgang meinte eine der beiden enttäuscht: "O, it is raining outside!" - wobei sie unglaublich schön die Worte in einem Akzent betonte, den ich besonders mag: "raining" genau so ausgesprochen, wie es geschrieben wird!

Mist, es regnete wirklich! Uns beiden Naturburschen wäre ein Spaziergang im Nieselregen am Meeresufer entlang romantisch vorgekommen, aber den Mädels in ihren zarten Kleidchen wohl eher nicht.
Also disponierte ich kurz um und schlug vor, einen unserer besten Weine mit auf  ihr Zimmer zu bringen, dort könnten wir ja ganz gemütlich etwas plaudern! Völlig baff vernahm ich die Antwort: "Klar, sehr gerne!"

Um an dieser Stelle sämtlichen Spekulationen die Fantasie zu nehmen: Wir verbrachten einen sehr angenehmen Abend zusammen, bei dem ich immer den Dolmtescher spielen musste - was aber sehr viel Spaß machte, weil Wolfgang versuchte, sich mit Händen und Füßen auszudrücken!  Ja, wir hatten viel Freude an diesem Abend, aber mehr auch nicht: schließlich war ich ein treuer junger Mann, auf den ein hübsches und liebes Mädel zu Hause wartete... Und wenn ihr denkt, dass ich hier schwindle, dann denkt es halt...

Ob die Mädels erfreut oder enttäuscht waren über diesen Ausgang des Abends kann ich nicht sagen; jedenfalls hatten sie aber ebenso viel Freude wie wir!

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Montag, 14.8.72 - Tag 12

Unsere Kumpels Pit und Mike schmissen uns nicht am frühen Morgen aus ihren Betten, sondern wir verzogen uns schon vorher!

Im Sonnenaufgang genossen wir ein ausgiebiges Bad im Meer, obwohl es recht frisch war - zumindest an der Luft, die vom Regen der vergangenen Nacht noch feuchtschwanger über dem Strand hing; das Wasser aber war herrlich warm, oder es erschien uns jedenfalls so, im Vergleich zu der kühlen Luft.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am Strand beschlossen wir, hier noch etwas in unseren Schlafsäcken zu dösen und dann den Hoteljungs eine Überraschung zu bereiten!

Ich gestehe an dieser Stelle gerne, dass ein Bett in einem Zimmer - selbst wenn es in einem Hotel ist - unschlagbare Vorteile hat; zumindest, wenn es draußen regnet. Aber diese drei Stunden an diesem Strand waren, wie auch die meisten Nächte in diesem Urlaub, durch nichts zu ersetzen:

Die Freiheit fühlen und riechen und den Duft des Meeres auf der Zunge schmecken; kleine Sandbuckel unter dem Schlafsack spüren und sie mit Körperbewegungen zu einer kuscheligen Kuhle formen; etwas Tau in den Haaren aufnehmen und auf der Nasenspitze spüren; das Rauschen der Wellen hören und gleichzeitig als Reflexionen am und im Körper wahrnehmen; während des einschlafmüden Blickes die Pracht des Sternenhimmels in die Seele brennen: Natur pur erleben!


Ein eigentlich unbeschreiblicher Traum, den ich in diesem Urlaub noch intensiver erleben durfte als an den vielen Wochenenden an den heimischen Baggerseen.

So etwas nenne ich Freiheitstraum, Leben mit und in der Natur, oder einfach nur: Leben an sich!

Am späten Vormittag erzählten wir unseren Kumpels von der Grotte mit den vielen Getränken, und die Kumpels trommelten sofort noch andere Hotelbewohner zusammen! So zogen Wolfgang und ich eine Rotte von gut 12 Leuten hinter uns her und überraschten damit das nette Mädchen, das heute von ihrem Vater begleitet wurde. Die Hotelmenschen probierten und kauften wie die Wilden; als Dank dafür bekamen wir beide noch je eine Flasche Wein, und zusätzlich füllten wir unseren Vorrat auch noch mehr auf: nochmals je vier Flaschen kauften wir ein!

Nach einer Weile zog die Gesellschaft ziemlich erheitert in Richtung Hotel ab, und wir uns nach Abschied von unseren Hotelknaben in Richtung Frankreich.

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Dienstag, 15.8.72 - Tag 13